[Zurück zum
Forschungsbericht]

Schutz von Biodiversität in Wäldern im Rahmen der CBD: Optionen für ein globales Waldschutzgebietsnetzwerk

Projektbeschreibung:
Die Erhaltung artenreicher Primärwälder ist seit den 1980er Jahren aufgrund des rapiden Rückgangs der weltweiten Waldflächen zu einem vordringlichen Thema der internationalen Umweltpolitik geworden. Der Rückgang der Waldfläche beträgt zurzeit ca. 13 Mio. ha/a; davon entfällt fast die Hälfte auf kaum regenerierbare Primärwälder in den Tropen (FAO 2005). Weltweit sind solche Landnutzungsänderungen für ca. 20 % aller Treibhausgasemissionen verantwortlich (IPCC 2000, Stern 2006). Entwaldung verursacht nicht nur erhebliche Verluste an Biodiversität und beträchtliche Emissionen von Treibhausgasen, sondern hat auch weitere Folgen: Es finden Bodendegradation, Erosion und Veränderungen der Wasserregime statt, die eine Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser gefährden. Die Entwaldung entzieht darüber hinaus nicht selten indigenen Völkern und anderen Bevölkerungsgruppen, die von einer Nutzung der Waldökosysteme abhängen, die Lebensgrundlage. Dennoch tolerieren oder forcieren viele waldreiche Entwicklungs- und Schwellenländer die Exploitation bzw. Abholzung der Waldgebiete für ihre wirtschaftliche Entwicklung, u. a. auch um Flächen für agrarische und industrielle Nutzungen zu erschließen. Obwohl die Entwaldungsproblematik schon seit längerem ein wichtiges Thema internationaler Umweltpolitik darstellt, konnten bislang keine wirkungsvollen Problemlösungsstrategien entwickelt werden. Während der UNCED 1992 scheiterten alle Bemühungen, dem Umgang mit Wäldern über eine Waldkonvention eine völkerrechtlich verbindliche Handlungsgrundlage zu geben. In der Folge mangelte es nicht an Versuchen, diese Lücke für den Wald zu schließen: Unter dem Dach der UN beschäftigten sich seit 1995 das Intergovernmental Panel on Forests (IPF), seit 1997 das Intergovernmental Forum on Forests (IFF) und seit 2000 das United Nations Forum on Forests (UNFF) mit der globalen Waldpolitik. Diese Gremien haben zwar eine Fülle von Handlungsvorschlägen entwickelt, die jedoch bislang nicht zu einer verbindlichen oder Wirkung entfaltenden Institutionalisierung der Waldpolitik bzw. des Walderhaltes auf internationaler Ebene geführt haben. Auch in anderen politischen Prozessen, wie z.B. in der Klimarahmenkonvention (UNFCCC), spielt die Erhaltung von Primärwäldern und die Verhinderung von Walddegradierung eine große Rolle. Während es in ihrer Ausgestaltung durch das Kyoto Protokoll und den Folgeprozess zahlreiche Akteure gab, die einer Einbeziehung von Wäldern in die internationale Klimapolitik ablehnend gegenüber standen, wird inzwischen von fast allen Akteuren eine Integration des Primärwaldschutzes als Instrument in einem post-Kyoto-Regime befürwortet. Dies wäre ein bedeutender Schritt zur Reduktion von Treibhausgasemissionen und zur aktiven Beteiligung von Entwicklungsländern am Klimaschutz. Die Biodiversitätskonvention (CBD) hat wiederholt das Thema Wald(schutz)politik aufgegriffen. Bedeutung besitzt hierbei v.a. das erweiterte Waldarbeitsprogramm der CBD (CBD/VI/22), das 2002 verabschiedet wurde. Es gliedert sich in drei völkerrechtlich unverbindliche "Elemente", die wiederum Ziele und konkrete Aktivitäten enthalten: - Schutz, nachhaltige Nutzung und gerechte Verteilung der Vorteile aus der Waldnutzung, - institutionelles und sozioökonomisch förderliches Umfeld, - Wissen, Bewertung und Monitoring. Die Bemühungen um den Schutz der Wälder im Rahmen der CBD werden außerdem durch das Arbeitsprogramm Schutzgebiete gestützt (CBD/VII/28), das 2004 verabschiedet wurde. Es sieht vor bis zum Jahr 2010 ein globales Netzwerk aus nationalen und regionalen Schutzgebieten zu schaffen, die ökologisch repräsentativ sind und effektiv verwaltet werden. Dieses Netzwerk wird in erheblichem Umfang Wälder und, je nach Region, besonders Primärwaldgebiete betreffen. Die nächste Vertragsstaatenkonferenz (COP 9) der CBD findet im Mai 2008 in Deutschland statt. Zu den Schwerpunktthemen dieser Konferenz werden die Biodiversität in Wäldern und damit eine Überarbeitung des erweiterten Waldarbeitsprogramms gehören. In diesem Zusammenhang beabsichtigt die Bundesregierung, die Verabschiedung eines internationalen Waldschutzgebietsnetzwerks unter der CBD voranzutreiben und dafür der internationalen Staatengemeinschaft entsprechende Vorschläge zu unterbreiten. Hierbei soll auch die Anbindung an andere Umweltkonventionen (z.B. UNFCCC, UNCCD, Ramsar) gewährleistet sein, die ebenso wie die CBD eine Verlinkung und Nutzung von Synergien fordern, um gemeinsame Umweltziele zu erreichen. Ziele und Inhalte des Projektes Aufgabe des Projektes ist es, das Bundesamt für Naturschutz und das Bundesumweltministerium (BMU) im Vorfeld von COP 9 der CBD durch wissenschaftliche Analysen und problemorientierte Politikberatung zum Themenfeld "Etablierung eines globalen Schutzgebietsnetzwerks für Wälder" zu unterstützen. Das Projekt gliedert sich in zwei Teilprojekte, die sich schwerpunktmäßig mit ökologischen (Teilprojekt 1) und ökonomischen (Teilprojekt 2) Fragestellungen beschäftigen. Ziel von Teilprojekt 1 ist es, unter Bezugnahme auf bereits bestehende Ansätze Konzepte für die ökologisch-naturschutzfachliche Auswahl von Waldgebieten und für ein globales Waldschutzgebietsnetzwerk zu entwickeln. Zudem sollen Vorschläge für den Schutzstatus sowie für ein adäquates Managementsystem dieser Waldschutzgebiete erarbeitet werden. Parallel dazu werden in Teilprojekt 2 Konzepte für potentielle Finanzierungsmechanismen eines Waldschutzgebietsnetzwerkes entwickelt. Dazu gehört die Analyse verschiedener Finanzierungsinstrumente wie z.B. die Einbindung des Primärwaldschutzes in die Kyoto-Mechanismen nach 2012 ("avoided deforestation"), eine stärkere Berücksichtigung des Waldschutzes unter dem Dach der Global Environment Facility (GEF) sowie eine Einbeziehung von Privatkapital. In beiden Teilprojekten werden andere relevante Programme unter der CBD (z.B. das Arbeitsprogramm Schutzgebiete) sowie die Prozesse und Ziele weiterer internationaler Abkommen (z.B. UNFCCC, Ramsar, UNESCO World Heritage) berücksichtigt, um mögliche Synergieeffekte zu nutzen. Die Projektorganisation gewährleistet durch die enge Zusammenarbeit der beiden Teilprojekte die inhaltliche Verknüpfung von ökologischen und ökonomischen Fragestellungen. Ziel ist die Entwicklung von verschiedenen Szenarien in Bezug auf Auswahl, Finanzierung und Etablierung eines globalen Waldschutzgebietsnetzwerks, die sich an einer politischen Anschlussfähigkeit, das heißt an der realistischen Umsetzbarkeit unter der CBD, orientieren. Zu diesem Zweck sollen sowohl "visionäre Idealbilder" eines solchen Waldschutzgebietsnetzwerks charakterisiert werden, als auch "reduzierte" Versionen entwickelt werden, die im internationalen Kontext Konsenspotential haben. Schließlich werden auch verschiedene Strategien für eine erfolgreiche Umsetzung diskutiert. Methodisches Vorgehen Die methodische Basis des Projektes sind vor allem Literaturanalysen sowie die Begleitung und Auswertung aktueller politischer Prozesse. Unterstützt wird das Vorhaben durch eine projektbegleitende Arbeitsgruppe (PAG), die sich aus Experten aus Wissenschaft und Politik zusammensetzt. Die PAG diskutiert gemeinsam mit den Projektbearbeitern Fragen der wissenschaftlichen Kohärenz und der politischen Anschlussfähigkeit. Für Mitte Mai 2007 ist ein Workshop mit internationalen Biodiversitäts-, Umwelt- und Waldpolitikexperten geplant, dessen Ziel es ist, die Basis für die Erarbeitung konkreter Vorschläge für ein globales Waldschutzgebietsnetzwerk zu legen. Das Projekt zeichnet sich somit durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik aus. Die (Teil-)Ergebnisse in Form von Policy Papern und direkter anlassbezogener Beratung sollen für den politischen Prozess nutzbar sein; zudem sind wissenschaftliche Publikationen vorgesehen. Erste Ergebnisse und weiterer Forschungsbedarf Teilprojekt 1: Bisher wurden in Teilprojekt 1 bereits bestehende Ansätze analysiert, die (Wald-)Gebiete mit hoher globaler Schutzpriorität aufzeigen (siehe Tabelle). Ein grundlegendes Ergebnis dieser ersten Analyse ist, dass die meisten der Ansätze ihrer Auswahl allein ökologische Kriterien zugrunde legen. Sie unterscheiden sich allerdings in der Gewichtung dieser Kriterien, insbesondere in Bezug auf Kriterien wie Unersetzbarkeit ("irreplaceability") und Vulnerabilität („vulnerability“). Diese ökologisch orientierten Ansätze lassen sich grob in drei Gruppen mit unterschiedlichen Schutzprioritäten einteilen: (1) Schutzpriorität liegt auf großen intakten Naturräumen; (2) Schutzpriorität liegt auf extrem artenreichen, aber stark gefährdeten Gebieten; (3) Schutzpriorität wird anhand der globalen Repräsentativität festgelegt. Nur wenige der untersuchten Ansätze berücksichtigen bei der Gebietsauswahl politische und organisatorische Kriterien wie Management- und Schutzstatus. Tabelle Analysierte Ansätze zur Auswahl von (Wald-)Gebieten mit hoher globaler Schutzpriorität (Stand Januar 2007) Organisation / Programm Ansatz Alliance for Zero Extinction (AZE) • AZE sites Birdlife • Endemic Bird Areas • Important Bird Areas Conservation International (CI) • Biodiversity Hotspots • (High Biodiversity) Wilderness Areas • Megadiversity Countries • Global Gap Analysis of Protected Areas CI, Birdlife, Plantlife, IUCN • Key Biodiversity Areas Greenpeace • Last Intact Forest Landscapes Ramsar Convention • Wetlands of International Importance The Nature Conservancy (TNC) • Crisis Ecoregions UNESCO World Heritage Convention • World Heritage Sites UNESCO Man and the Biosphere Programme • Biosphere Reserves WildLife Conservation Society (WCS) • The Last of the Wild World Resources Institute (WRI) • Frontier Forests World Wildlife Fund (WWF) • The Global 200 WWF / IUCN • Centres of Plant Diversity Weiterführende Fragen: Welche ökologischen Kriterien sind für die Auswahl von Waldgebieten für ein globales Waldschutzgebietsnetzwerk geeignet? Welche politisch-organisatorischen Anforderungen sollen an Waldschutzgebiete innerhalb dieses Netzwerkes gestellt werden, z.B. in Bezug auf Schutzkategorie, Management und Größe? Welche sozioökonomischen Aspekte müssen in diesem Kontext Berücksichtigung finden, z.B. Rolle indigener Bevölkerung? Teilprojekt 2: Teilprojekt 2 analysiert potentielle Finanzierungsmechanismen für ein Waldschutzgebietsnetzwerk im Hinblick auf verschiedene relevante Eigenschaften wie z.B. deren politische Akzeptanz (Umsetzbarkeit), ihr Potential für eine ausreichende und zuverlässige Kapitalmobilisierung, die Flexibilität für unterschiedliche Finanzierungsbedürfnisse sowie Verteilungsmodi. Bisher konzentrierte sich die Analyse auf die verschiedenen Vorschläge aus dem UNFCCC-Prozess zum Thema "Reduced Emissions from Deforestation (RED)" und die Global Environment Facility (GEF) als etablierter Finanzierungsmechanismus der Rio-Konventionen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die beiden untersuchten Finanzierungsmechanismen derzeit mehr potentielle als reelle Finanzquellen für ein Schutzgebietsnetzwerk für Wälder darstellen: Bezüglich der UNFCCC besteht derzeit globaler Konsens darin, dass eine Senkung der durch Abholzung in Entwicklungsländern hervorgerufenen Emissionen in ein Klimaregime nach 2012 einbezogen werden soll. Die Diskussion um "avoided deforestation" schlägt eine Brücke zwischen den kongruenten Zielen einer angestrebten weltweiten Reduktion der Treibhausgasemissionen und dem Schutz der Biodiversität. Diskutiert werden marktbasierte Mechanismen (Erweiterung des Zertifikatehandels) und Fondslösungen. Allerdings gibt es noch viele offene Fragen zur technischen und politischen Umsetzung eines solchen Mechanismus, auch in Bezug auf die Berücksichtigung von anderen globalen Umweltzielen und Prozessen (CBD, UNCCD, UNFF, ITTO, WTO etc). Die GEF ist eine global anerkannte Einrichtung und ein etablierter Mechanismus zur Finanzierung der Konventionsziele und erscheint somit prinzipiell prädestiniert für einen Einbezug in die Finanzierung des Schutzgebietsnetzes. Sie weist jedoch auch Nachteile bzw. Einschränkungen auf: So wird sie in einem komplizierten Replenishment-Prozess alle vier Jahre durch Geberländer finanziert, die Mittel werden auf eine Vielzahl verschiedener Focal Areas und Operational Programs verteilt und die Genehmigungsverfahren für Projekte gelten als komplex und langwierig. Folglich ist mit der existierenden GEF-Struktur eine ausreichende und nachhaltige Finanzierung für ein Schutzgebietssystem fraglich. Allerdings wird zurzeit an einer strategischen Neuausrichtung der GEF gearbeitet. Weiterführende Fragen: Wie groß ist der Finanzbedarf für ein internationales Schutzgebietnetzwerk für Wälder und welche Kombination von verschiedenen Finanzierungsinstrumenten kann dieses nachhaltig finanzieren? Wie sind die Mechanismen hinsichtlich ihrer politischen Anschlussfähigkeit und Umsetzbarkeit zu bewerten? Wie sollen die freigestellten Gelder auf nationaler bzw. lokaler Ebene verwaltet und verteilt werden? Aus den ersten Ergebnissen zeichnen sich außerdem Fragenkomplexe ab, die beide Teilprojekte betreffen, so z.B.: Welche Art der Vernetzung beinhaltet der Begriff "Waldschutzgebietsnetzwerk"? Wie kann eine Verzahnung mit anderen internationalen Abkommen und Organisationen im Bereich Schutzgebiete und Schutzgebietsfinanzierung gestaltet werden? Wie werden tropische Länder berücksichtigt, die einen aus globaler Sicht extrem hohen Anteil an Waldbiodiversität beherbergen? Welche Kontrollmechanismen für ein internationales Waldschutzgebietsnetzwerk sind unter der CBD konsensfähig? Wie können die vorgeschlagenen Konzepte inhaltlich und zeitlich umgesetzt werden? Weiteres Vorgehen Die aufgeworfenen Fragen werden im Verlauf des Projektes weiter bearbeitet. Außerdem dienen sie als Grundlage für eine intensive Diskussion mit internationalen Fachleuten im Rahmen des geplanten Experten-Workshops. Parallel findet im Projekt ein ständiger Ergebnis- und Informationsaustausch mit den Auftraggebern im Bundesamt für Naturschutz (BfN) und dem Bundesumweltministerium (BMU) statt, um einerseits Projektergebnisse für den COP 9-Vorbereitungsprozess bereitzustellen und andererseits ihre politische Anschlussfähigkeit zu gewährleisten. Darüber hinaus werden die bereits etablierten Kontakte zu zahlreichen Partnern im In- und Ausland weiter ausgebaut.

Ansprechpartner: Dr. Georg Winkel/ Dr. Christine Schmitt/ Till Pistorius
Tel: 0761/203-3715
Email: georg.winkel@ifp.uni-freiburg.de
Projektlaufzeit:
Projektbeginn: 01.09.2006
Projektende: 30.11.2008
Projektleitung:
Dr. Georg Winkel, Dr. Till Pistorius, Dr. Christine Schmitt

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Finanzierung:

  • Bundesamt für Naturschutz, Bund

Aktueller Forschungsbericht